Donnerstag, 1. Dezember 2022
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Betrachtungen zu JOSEPH von Nazareth – Teil 2

JOSEPH, LIEBER JOSEPH MEINdas älteste weihnachtliche Wiegenlied

Dr. Juliana Bauer (Teil 1 hier)

Joseph mit dem Jesuskind. Caspar Jele (1814-1893), Public domain
Joseph mit dem Jesuskind. Caspar Jele (1814-1893), Public domain

Den Predigtworten Michel Aupetits über den Heiligen Joseph möchte ich nun eines der im deutschen Sprachraum bekanntesten weihnachtlichen Gesänge anfügen, in dem Joseph als zärtlicher Vater den Mittelpunkt bildet, der an Marias Seite steht und sich dem Kind zuwendet, ja ihr hilft, das Kind in den Schlaf zu wiegen.

Das KINDLEIN-WIEGEN

Zunächst aber soll ein kurzer Überblick über die Gattung des Liedes und seine Zugehörigkeit zu den so genannten WIEGELIEDERN sowie dem längst vergangenen Brauchtum des KINDLEIN-WIEGENS informieren.

In meinem Beitrag zu dem Lied „In dulci jubilo“ (Conservo 5.Dez. 2021) erwähnte ich den alten Brauch des kindlichen Reigens um die in der Kirche aufgestellte Wiege bzw. Krippe mit dem Jesuskind. Voraus ging dieser Sitte das sogenannte Kindlein-Wiegen, das mit dem Krippen-Reigen in Spätmittelalter und Früher Neuzeit (16.Jh., 1.H. 17.Jh.) eng verknüpft wurde. Die seit langem hinfällig gewordene, jedoch einst reizvolle weihnachtliche Tradition erhellt die Entstehung der uns zahlreich überlieferten Wiegenlieder, in denen das neugeborene göttliche Kind besungen wird (Zu Betlehem geboren, Lasst uns das Kindlein wiegen u.a.). Wohl im 12.Jh. in Frauenklöstern des Inntals entstanden, wo Novizinnen kostbar gekleidete Jesuskind-Figuren zur persönlichen Andacht erhielten, entwickelte sich der Brauch, „bildlich … die Kinderwiege des Heilands…darzustellen“ und das neugeborene göttliche Kind zu wiegen.

Joseph, lieber Joseph mein – das älteste überlieferte Wiegenlied

Der aus dieser Reihe wohl älteste und uns überaus bekannte Wiegengesang ist das Lied „Joseph, lieber Joseph mein, hilf mir wiegen das Kindelein.“ Das Lied entstammt dem ausgehenden 14. bzw. dem beginnenden 15.Jh. (vgl. auch In dulci jubilo); nachgewiesen ist seine Überlieferung u.a. in einer Leipziger Handschrift des 15. Jahrhunderts.

Der Text wurde dem ersten Teil der Melodie des Liedes „Resonet in laudibus“ („Möge es im Lob erschallen“) unterlegt, eines Weihnachtsliedes in lateinischer Sprache, das seit der Mitte des 14. Jahrhunderts mit unterschiedlichen Strophen und in vielzähligen Manuskripten bezeugt ist. Es erschien in katholischen wie später auch in lutherischen Traditionen, in ersteren mannigfach eingebettet in die Weihnachts-Komplet oder -Vesper. Offensichtlich ist, dass das „Resonet“ vielerorts in Zusammenhang mit dem Kindlein-Wiegen stand, im Besonderen mit dem Lied „Joseph, lieber Joseph mein.“ Mit diesem steht seine Entstehungsgeschichte in enger Verbindung, ihm lieh es, wie erwähnt, auch einen Teil seiner Melodie. 

„Joseph, liever neve min“

Um das Jahr 1400 zeichnete wahrscheinlich der als „Mönch von Salzburg“ bekannte, jedoch anonym gebliebene Liederdichter des Spätmittelalters den Text des Wiegenliedes auf. Er fügte diesem zudem eine ausführliche Beschreibung der Aufführungsweise bei, die überdies die einstige Zusammengehörigkeit mit dem älteren Gesang „Resonet in laudibus“ deutlich macht:
„Zu den weihnachten der frölich hymnus: A solis ortus cardine

(Vom Tor des Sonnenaufgangs, ein im Mittelalter häufig gesungener Hymnus zum Weihnachtsfest)

und so man das Kind wiegt über das Resonet in laudibus, hebt unser Frau an zu singen in einer Person: Joseph, liever neve min. So antwort in der andern Person Joseph: Gerne, liebe mueme min. Darnach singet der kor die andern Vers in einer diener weis, darnach den kor.“

Der mittelalterliche Text, in dem Maria nicht nur eine „reine meit“ (später eine „reine Magd“) genannt wird, impliziert insbesondere durch die gegenseitige Anrede einen ausdrucksstarken bildlichen Hinweis auf die Jungfräulichkeit Mariens: Maria spricht Joseph als „Neve“, d.h. als Vetter=Cousin (Neve heißt im Weiteren auch Neffe) an und er sie im Gegenzug dazu als seine „Muhme“, d.h. als Base=Kusine (Muhme bedeutet auch Tante).

Das Wiegenlied erfreute sich über Jahrhunderte hinweg mehrerer Textfassungen. Gedruckt in seiner heutigen Form und mit seiner Veröffentlichung der Gemeinde an die Hand gegeben, wurde es erstmals 1544 von Johann Walter, dem ersten lutherischen Kantor und Herausgeber des ältesten evangelischen Gesangbuchs. Das Weihnachtslied fand von da an Eingang in die Gesangbücher beider Konfessionen.

Hier seien nun die moderne, aus vier Versen bestehende Textfassung sowie die älteste überlieferte Fassung aus dem Leipziger Manuskript, die acht Strophen aufweist und von außergewöhnlichem Liebreiz ist, einander gegenübergestellt.

Heutige Liedfassung
Joseph, lieber Joseph mein,
hilf mir wiegen mein Kindelein,
Gott, der wird dein Lohner sein
im Himmelreich, der Jungfrau Sohn Maria.
Eia! Eia!

Gerne, liebe Maria mein,
helf‘ ich dir wiegen das Kindelein.
Gott, der wird mein Lohner sein
im Himmelreich, der Jungfrau Sohn Maria.
Eia! Eia!

Freu dich nun, o Christenschar,
der himmlische König klar
nahm die Menschheit offenbar,
den uns gebar die reine Magd Maria.
Eia! Eia!

Süßer Jesu, auserkor’n,
weißt wohl, dass wir war’n verlor’n,
still uns deines Vaters Zorn,

dich hat gebor’n die reine Magd Maria.

Eia! Eia!

Fassung aus der Leipziger Handschrift, 15.Jh., wohl der Text des „Mönchs von Salzburg“
Joseph, liber nefe min,
hilf mir wiegen min kindelin,
das got musse din loner sin
in himilrich,
der meide kint Maria.«

»Gerne, libe mume min,
ich helfe dir wigen din kindelin,
das got musse min loner sin
in himilrich,
der meide kint Maria.«

Nu frów dich, kristenliche schar,
der himelische konig klar
nam die menschheit offenbar,
den uns gebar
die reine meit Maria.

Is súllen alle menschen zwar
mit gánzen frouden komen dar,
do man fint der selen nar,
di uns gebar
die reine meit Maria.

Uns ist geborn Emanuel,
als uns vorkundigit Gabriel,
des ist geziug Ezechiel,
o fronis el,
dich hot geborn Maria.

O éwigis vátirs éwigis wórt,
wor gót, wor mensche, der togunden ort
in hímil, in érde, hi und dort,
der salden pfort,
di uns gebar Maria.

O sússer Jesu userkorn,
du wéist wol, das wir wor verlorn,
stille uns dines vatirs zorn,
dich hot geborn
die reine meit Maria.

O kléinis kint, o grosser got,
du lidist in der krippen not,
der súnder hi vorhanden hot
der engil brot,
das uns gebar Maria.

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