Sonntag, 27. November 2022
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Zebra mit grünen Streifen

Ihre ersten Schritte auf internationalem Parkett zeigten eine nervös und unsicher agierende Außenministerin. Ist Annalena Baerbock ihrem Amt gewachsen?

Bild: Pixabay

Von DR.PHIL.MEHRENS

Ein Königreich für die Gedanken des ausgebufften russischen Außenministers Lawrow, als er in der vergangenen Woche erste Gespräche mit der neuen deutschen Außenamtschefin Annalena Baerbock führte und anschließend mit ihr vor die Presse trat. Neben Lawrow, mit der Erfahrung von 18 Dienstjahren ein politisches Schwergewicht, wirkte die Grünen-Politikerin wie ein weiblicher Leichtmatrose auf schlüpfrigem Oberdeck. Bei Presseerklärungen klebt sie am Papier wie eine Erstsemesterin beim ersten Referat. Nimmt man ihre bisherige Schreibtätigkeit als Meßlatte, bei der Baerbock für alles ihre Leute hatte, dürften auch die von ihr vor der Weltöffentlichkeit verlesenen Texte nicht auf ihrem Mist gewachsen sein, sondern auf dem erfahrenerer Staatssekretäre. Das hat auch etwas Beruhigendes. Schließlich möchte niemand, dass eine unbedachte Äußerung der unerfahrenen Politikerin zum Ausgangspunkt einer außenpolitischen Krise wird.

Auf ihren bisherigen Auslandsreisen wirkte Baerbock in den ungünstigeren Momenten wie jemand, der eben noch den Schlaf der Selbstgerechten schlief, sich, frisch aus einem schönen Traum erwacht, nun erstaunt die Augen reibt und fragt: “Wo bin ich hier, wie bin ich hierher gekommen und wie komme ich hier ganz schnell wieder weg?” Es ist eben ein gewaltiger Unterschied, ob man sich mit “Best Buddy” Anne Will gekonnt die Bälle zuspielt und wegen des Heimspielcharakters, den öffentlich-rechtliche TV-Gesprächsrunden für Politiker des links-grünen Milieus in der Regel annehmen, allzeit munter losplaudern kann oder plötzlich die ganze Welt zuhört, weil jeder Satz, etwa zu Waffenlieferungen an die Ukraine, den Lauf der Dinge verändern kann, weltpolitisches Gewicht hat, diplomatische Verstimmungen auszulösen vermag.

So erklärt sich, dass Baerbock, sonst durchaus eloquent, neuerdings sprachlich ungewohnt unbedarft auftritt, wenn sie frei sprechen muss. Rhetorische Rohrkrepierer wie “Der härteste Knüppel wird am Ende nicht immer das intelligenteste Schwert sein” (zum Thema Druck auf Russland) oder die verunglückte Figura etymologica “Das ist bekanntermaßen, äh, bekannt” hätten früher, als sie noch Politikern wie Kurt-Georg Kiesinger oder Edmund Stoiber unterliefen, sicher dafür gesorgt, dass die gefräßige Meute der deutschen Hauptstadtjournalisten sich auf deren Produzenten stürzt wie ein Rudel ausgehungerter Löwen auf ein humpelndes Zebra. Doch wenn das Zebra grüne Streifen hat, befällt die Leitmedien eine unerklärliche Beißhemmung, die sogar auf die Satireabteilungen von ARD und ZDF übergreift. Ihre konservativen Kritiker jedenfalls harren Baerbocks nächster Fehlleistungen in durchaus freudiger Erwartung.

Es ist allerdings anzunehmen, dass die Außenministerin, deren Ehrgeiz sie erstaunlich weit gebracht hat, ihre Anfangsnervosität rasch ablegen und im Laufe der Zeit eine gewisse Routine entwickeln wird. Ein Vorteil dürfte auch sein, dass es keine Herkulesaufgabe ist, ihren blassen Vorgänger Heiko Maas in den Schatten zu stellen. So könnte sich der Eindruck, der ihre ersten Amtswochen prägt, dass nämlich noch nie eine Person an der Spitze des Auswärtigen Amtes gestanden hat, die dem Amt so wenig gewachsen ist, allmählich revidieren lassen. Andererseits ist das Ministeramt, das sie bekleidet, erheblich fehleranfälliger als eine eher repräsentative Funktion, wie sie etwa Ursula von der Leyen nach ihrem Scheitern als Ministerin zufiel (und in der auch Baerbock sicher besser aufgehoben wäre). Die EU-Kommissionspräsidentin glänzt seit ihrem Amtsantritt mit politisch weitgehend folgenlosen Sonntagsreden.

Mit schönen Reden belesener Geisterschreiber aber wird Baerbock nicht weit kommen. Ihr Amt erfordert politischen Instinkt, Entschlossenheit, kluges Taktieren und eine klare Vision. Grüner Pazifismus – das lehrte die Amtszeit Joschka Fischers – hat im Außenamt keine Chance und wird als politische Schwäche ausgelegt. Da Bundeskanzler Scholz sich außenpolitisch bisher ebenfalls eher als Leisetreter erwiesen hat, ist die Gefahr groß, dass Deutschland trotz gegenteiliger Ambitionen in der internationalen Politik zum Leichtgewicht degeneriert, wie Anfang der Woche die britische Presse mit Blick auf die Ukraine-Krise unkte.

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