Sonntag, 27. November 2022
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Lesermeinung einer gebürtigen Ukrainerin, gelebt in Moskau, jetzt in Deutschland – erster Brief

Von Tatjana B.-Sch.

Territoriale Entwicklung der Ukraine 1922 – 1954. (c) Spiridon Ion Cepleanu, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Vorbemerkung von Albrecht Künstle: Zu meinem auf Ihrer Seite veröffentlichten Artikel in Sachen Ukraine erreichten mich zwei Zuschriften einer persönlich bekannten gebürtigen Ukrainerin. Den ersten Teil schrieb sie als ich ihr mitteilte, dass ich an einem Artikel sitze. Den zweiten nach Veröffentlichung des Artikels. Die Leserin kann sich nicht entscheiden, welchen der beiden sie gerne veröffentlicht wissen will. Falls überhaupt, entscheiden Sie bitte selbst welchen. Beide drücken aus, wie hin und hergerissen Menschen sind, die in Ukraine geboren, in Moskau wohnten und jetzt hier leben

Werter Albrecht Künstle,

Weil ich als gebürtige Ukrainerin, in Russland aufgewachsen, einige Dinge besser sehe und die objektive Sicht hier wirklich vermisse. Denn hier, in Deutschland oder im Westen, selbst meine Mitstreiter für Frieden, Freiheit und Demokratie eine leider sehr verengte Sicht auf manche Dinge haben. Schlimmer noch, einiges wird sogar von vermeintlich “freiheitlichen” oder gegen Deep State gerichteten Seiten regelrecht verzerrt dargestellt und indoktriniert.

Zunächst: Es ist richtig, dass die Zeichen auf Krieg stehen. Seit dem Sommer wird berichtet (auch von meiner Verwandtschaft in der Ukraine), dass Russland Truppen an der Grenze stationiert. Und die Meldungen der letzten Tage beweisen, dass die NATO-Staaten wie Dänemark, Niederlande, Frankreich u.a. nun jetzt kräftig nachrüsten mit Truppen und Kriegstechnik. Also Säbelrasseln auf beiden Seiten. In den MSM wird Russland als Kriegstreiber dargestellt. In den alternativen Medien, die ich selbst sehr gerne lese, wird das Gegenteil davon behauptet.

Russland wird als Opfer der NATO-Kriegstreiber dargestellt, als sei es regelrecht umzingelt von Feinden, die Schlinge würde sich immer mehr um den russischen Bären zuziehen und das arme Tier ist sozusagen mit dem Rücken an der Wand und gezwungen sich mit Zähnen und Klauen zu verteidigen. Einige selbsternannten Telegram-Experten gehen sogar soweit, dass sie die russische Invasion in die Ukraine sogar segnen, denn der Ukraine kann nichts Besseres passieren und uns eigentlich auch, denn das Versagen von NATO beschleunige den Untergang des so verhassten Systems von Deep State. Beide Darstellungen sind verzerrt und armselig ist der Streit, was denn nun stimmt und was nicht. Die Wahrheit liegt irgendwo anders. Aber nicht unbedingt dazwischen.

Erstens: Suche diejenigen, die den Krieg wollen. Russland sieht Ukraine, wie im Übrigen die anderen 13 ehemaligen Sowjetrepubliken als eigene Einflusszone. Putin, der beinahe wie Trump zu den Guten von manchen Telegram-Gurus dazugerechnet wird (übrigens ohne jeglichen Bezug zur Realität), hat seine Absicht der Wiederbelebung der UdSSR nie verheimlicht. Dass Putin seit bereits geschlagenen 20 Jahren an der Macht ist, dass er die Verfassung auch so hingebogen hat, dass sein Amtsscheiden praktisch als unmöglich scheint, dass er in Russland schon vor 20 Jahren sämtliche kritische Medien und Opposition teilweise auch physisch abgeschafft hat, dass er in Punkto Kontrolle viel weiter fortgeschritten ist, als wir in Westeuropa – das alles wird irgendwie nicht gesehen! Das, wofür wir jeden Montag und Samstag auf die Straße gehen, das hat Putin in Russland schon lange abgeschafft, liebe Freunde der Freiheit!

Zweitens: Meines Erachtens gibt es auf der Welt 3 Machtzonen: Westen (oder bei uns Deep State genannt), Russland und China. Jedes Machtzentrum kämpft für seine Einflusszonen, daraus resultieren Eskalationen und Kriege. Doch derjenige, der Ukraine, die Baltischen Staaten und womöglich sogar andere osteuropäischen Staaten zur Einflusszone Russlands bereitwillig erklärt, der hat von Demokratie, Frieden und Freiheit nichts verstanden. Einige Ostblockstaaten haben sich nach dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes sehr schnell Richtung Europa orientiert, wie z.B. Polen. Sie haben die 3 Jahrzehnte optimal genutzt zur Entwicklung der eigenen Souveränität um jetzt festzustellen, dass Europa, das frühere Vorbild der Unabhängigkeit und Selbstbestimmung zum Gegenteil dessen geworden ist.

Ukraine, und da muss man die Geschichte kennen, war immer gefangen im Dilemma zwischen zwei mächtigen Nachbarn. Und der tiefe Riss geht tatsächlich bis jetzt durch das Land (es ist flächenmäßig größer als Frankreich). De jure unabhängig wurde es zwar nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, aber de facto blieb es bis 2014 in Abhängigkeit von Russland. Nun brachte die Umorientierung nach Westeuropa und USA/Kanada nichts Gutes dem Volke. Nur die korrupten Familien konnten sich nach einigen Zerwürfnissen und Neuaufteilung der Macht weiter bereichern.

Ukraine diente nun dem Westen als riesige Geldwaschmaschine, dem Volke wurde das als Unabhängigkeit verkauft und Tausende Ukrainer haben ihr Leben im Kampf gegen die russische Aggression dafür gelassen. Ich habe mit eigenen Augen die zahlreichen frischen Gräber der gefallenen junger Männer auf Friedhöfen gesehen. Und es gibt keine Stadt in der Ukraine, die diese Gräber nicht hat. Nun ist die Lage im Land ernüchternd. Dieselbe Regierung, die vermeintlich aus der Mitte der Gesellschaft 2019 gewählt worden ist, die gefeiert wurde, dieselbe Regierung geht jetzt gegen das eigene Volk vor. Es wurden dieselben Maßnahmen dort verhängt und dieselben Lügen erzählt wie bei uns. Also war es 2014 die Wahl zwischen Pest und Cholera, so sehe ich das jetzt.

Drittens. Und was läuft dann in Russland? Offensichtlich ist bei uns jemand darum bemüht die Coronamaßnahmen dort kleinzureden. Nichts davon ist der Fall. Russen sind genauso betroffen, wie wir auch. Ich folge auf Instagramm einigen Aktivisten aus Moskau (meine Heimatstadt). Die organisieren den Widerstand genauso wie wir. Auch Sputnik V wird bei uns seltsamerweise verniedlicht, es sei nicht so schlimm wie Pfizer. Leute, geht’s noch? Hilft es uns irgendwie weiter? Wollen wir denn die Impfung, die wir nicht brauchen und die von uns als Mittel zur Kontrolle und Unterwerfung definiert wird? Nein, auch Russland will Kontrolle für seine Bürger, aber auf seine Weise! Es ist auch ein Kampf um Profite von verschiedenen Vakzinen entbrannt. Warum wohl wird Sputnik bei uns nicht anerkannt? Aber in Brasilien und Mexiko z.B. kämpft Russland um die Marktanteile und zwar ziemlich erfolgreich!

Viertens. Russland ist kein Opfer der jetzigen Eskalation, sondern ihr Profiteur. Genauso wie der Westen. Beide Seiten wollen die Aufmerksamkeit ihrer Bürger vom eigentlichen Problem ablenken. Bei uns will der Staat die absolut miserable Lage mir der horrenden Staatsverschuldung, dem bevorstehenden Zusammenbruch des Finanz- und Wirtschaftssystems aufgrund der Missstände der letzten Jahre, faktisch das Systemversagen mit dieser Kriegseskalation vertuschen. In Russland wird man diese Schwäche des Westens nutzen und relativ sicher noch weitere Gebiete von der Ukraine sich unter den Nagel reißen. Dass der Westen zwar mault, aber tatsächlich zur Tat nicht schreiten wird, gilt als relativ sicher. Das ist auch damals nicht passiert, als die Krim und Donbass von Russland besetzt wurden. Bellende Hunde beißen nicht. Und was bleibt? Kein Frieden, keine Freiheit und Demokratie auch nicht.

Übrigens: Russen sind jetzt seit Jahren darauf vorbereitet im Sinne der Gehirnwäsche, dass Ukrainer dafür sogar dankbar sein sollen, wenn Russland dort einmarschiert. Und Russen sind in ihrem Nationalbewusstsein viel stärker als Deutsche. Da ist man stolz darauf, Russe zu sein. Die Ukrainer sind für Russen eben im besten Fall ihre kleineren Geschwister oder im schlimmsten Fall Nazis. Ja, richtig gehört, im Sinne Nationalisten und Faschisten. Und die letzteren sollen bekämpft werden.

Der Krieg ist also von beiden Seiten (Russland und Westen) gewollt und das Feuer wird auch von beiden Seiten entfacht. Der Westen wird nicht eingreifen, er wird sich wieder blamieren, aber seine Bürger ablenken. Für die Russen ist das sogar beides, Ablenkung und Eroberung der vermeintlich eigenen Gebiete, also eine Win-Win-Situation.

Kommentarregeln: Bitte keine beleidigenden oder strafbaren Äußerungen. Seid nett zueinander. Das Leben ist hart genug.

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