Montag, 3. Oktober 2022
StartRussland und die Ukraine - DebattenbeiträgeZweite Lesermeinung einer gebürtigen Ukrainerin, gelebt in Moskau, jetzt in Deutschland

Zweite Lesermeinung einer gebürtigen Ukrainerin, gelebt in Moskau, jetzt in Deutschland

Von Tatjana B.-Sch.

Werter Albrecht Künstle,

ich habe den Artikel gelesen und ich muss leider sagen, ich verstehe nicht, warum er eine andere Sicht repräsentieren soll. Ähnliche Meinungen habe ich zuhauf gehört und darum war es für mich nichts Neues.

Es ist immer wieder diese Frage nach der Einstellung zu Russland, als wäre die die wichtigste. Der Deutsche hat doch irgendwie immer Bedürfnis sein Verhältnis zu Russland zu hinterfragen: Liebe oder Hass! Oder irgendwie etwas dazwischen. Zugegeben, dem Russen ist es egal und das ist die gesunde Einstellung. Wir müssen nicht einander lieben, fürchten oder hassen, wir müssen miteinander auskommen und das geht mit dem gegenseitigen Respekt. Zudem gibt es einen großen Unterschied, ob mit dem Wort “Russland” die Bevölkerung oder die Regierung gemeint ist.

Aber dem Deutschen sitzt offenbar noch tief in den Knochen die Angst vor dem russischen Bären, die Angst ihn gegen sich aufzubringen, die Angst vor dem Krieg, egal wie irrational die Vorstellung ist. Und diese Angst nutzen die Regierenden schamlos aus. Das Säbelrasseln auf beiden Seiten bringt Menschen dazu sich vor der Eskalation und vor dem drohenden Krieg zu fürchten. Sehr viele Menschen wie Du versuchen zu deeskalieren, indem sie das vermeintliche “Feindbild” und die Politik des eigenen Landes hinterfragen. Doch klappt es denn immer mit dem Versuch über den eigenen Tellerrand zu blicken?

Ich lebe in Deutschland seit über 30 Jahren. Interessant ist, dass ich bis jetzt nur einen einzigen Deutschen kenne, der die vielschichtige, komplexe Realität in der ehemaligen UdSSR und den postsowjetischen Gebilden wie Russland und auch Ukraine wirklich verstanden hat. Nein, ich möchte nicht arrogant sein! Das kann man nur mit dem Herzen, aber nicht alleine mit dem Verstand erfassen. Dieser Deutsche ist Boris Reitschuster. Er hat lange Jahre in Moskau gelebt, er hat diese Verhältnisse erlebt, und nicht nur mit seinem herausragenden Intellekt begriffen.

Die 15 Unionsrepubliken zwischen 1956 und 1991: 1. Armenien UdSSR 2. Aserbaidschan UdSSR 3. Belarus UdSSR 4. Estland UdSSR 5. Georgien UdSSR 6. Kasachstan UdSSR 7. Kir-gistan UdSSR 8. Lettland 9. Litauen 10. Moldavien 11. Russland 12 Tadschikistan 13. Turkmenis-tan 14. Ukraine 15. Usbekistan. CC BY-SA 3.0, Wikipedia.org

Ich versuche in groben Zügen das wichtigste im Hinblick auf das Thema Russland-Ukraine-Westen-Dilemma zusammenzufassen:

Nach dem Zusammenbruch der UdSSR haben die 15 Republiken jede für sich den Unabhängigkeitsweg gewählt. Die schlauesten sind direkt in die Arme der EU gelaufen (Baltische Staaten). Ukraine, Weißrussland und Russland sind historisch miteinander enger verbunden und versuchten über die Gemeinschaft unabhängiger Staaten GuS das zu retten, was nach dem Zusammenbruch noch zu retten war. Doch das wichtigste war, dass unabhängige, souveräne Staaten, darunter Ukraine, international anerkannt wurden. Zwischen Russland und Ukraine wurde sogar über Freundschaft und Zusammenarbeit unterschrieben und ratifiziert, beide Staaten haben gegenseitige Grenzen und Souveränität des Nachbarn anerkannt. Das ging gut, solange Ukraine dem Osten, also Russland zugewandt blieb. Vielseitig waren die Gründe, warum es dem ukrainischen Volke nicht gut ging. Damit meine ich nicht die Nationalität, sondern die Staatsbürgerschaft. Das ist etwas, womit man sich hierzulande schwertut.

Ukraine ist ein multinationaler Staat. Ja, fast jeder Ukrainer ist mit einem Russen verwandt, in Ukraine leben Millionen Russen, aber umgekehrt in Russland leben Millionen Ukrainer. Also wenn ich sage dem ukrainischen Volk, meine ich die Staatsbürger der Ukraine (auch Tataren, Juden, Weißrussen, Georgier, usw.), weil das einfach noch von der UdSSR so geblieben ist. Lange noch vor 2014 haben die Menschen es gesehen, wie blendend es den Polen ging, und den Balten in der EU und dann hat man gesagt, auch wir wollen es. Das war ein Prozess von mehreren Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, dass die Mehrheit des ukrainischen Volkes sagte, es reicht ein Vasall von Russland zu sein. 2014 eskalierten die Ereignisse zum Umsturz der russlandtreuen Regierung. Moskau nutzte das Machtvakuum und besetzte mit einigen Hundert Mann die ukrainische Halbinsel Krim. Russische Invasion im Donbass leugnete Moskau schon immer. Das alles war ein gewaltiger Affront für die bestehende Nachkriegsordnung.

Aber was tut Deutschland? Im Fernsehen laufen lächerliche Diskussionen über die Rechtmäßigkeit der Aggression. Ich bin fassungslos: ist denn das schwer zu begreifen? Grenzen eines souveränen Staates innerhalb Europas werden verletzt und was macht die Gemeinschaft? Darüber diskutieren, ob auf der Krim die Mehrheit Russen sind oder Ukrainer? Ob historisch das zu rechtfertigen wäre? Ob Chruschtschow damals richtig gehandelt hat (administrativer Akt über die Übergabe der Halbinsel Krim an die Ukraine). Seid ihr noch zu retten?

Putin wusste es damals schon: Niemand wird ihm militärisch im Wege stehen. Ukrainische Armee war systematisch geschwächt, Gelder veruntreut, Administration korrumpiert und Westen wird nur verbal zu etwas fähig sein. Denn ein Krieg war nicht erwünscht. Aber was hätte man machen können? Geldhahn den Russen zudrehen? Nein, das wäre in etwa als würde man den Ast absägen, auf dem man sitzt. Das war natürlich auch dem Genossen Putin klar. Und Ihr versteht es nicht: Dem Putin ist es egal ob er von euch geliebt oder gehasst wird, Hauptsache ihr respektiert ihn und fürchtet euch. Punkt!

Auch jetzt wird es keinen Krieg geben, zumindest nicht für Europa. Tausende ukrainischer und aber auch russischer Soldaten sind schon gestorben. Die Ukrainer sind in ihren Heimatstädten ehrenvoll begraben worden, russische Soldaten sind irgendwo in den Massengräbern in Russland verscharrt, den Müttern wurde Schweigegeld bezahlt, damit sie Klappe halten. Wenn es einen Krieg gibt, dann den “kleinen siegreichen Zug”, den Putin bräuchte um die eigene Bevölkerung abzulenken. Den würde er aber selbst nicht anfangen, vermutlich aber provozieren, so wie es 1939 in Polen war. Aber der Europäer darf ruhig schlafen, sein Allerwertester wird von Russland nicht bedroht, auch die eigenen Regierungen, diese Hetzer, auch die führen das falsche Spiel ähnlich den Hunden, die bellen, aber nicht beißen.

Zu den Waffenlieferungen: Woher kommt die Info, dass Ukraine in den Waffenlieferungen “erstickt”? Es ist eine Desinformation und Du bist der gnadenlos erlegen. Deutschland hat bis jetzt 5000 Helme der Ukraine geliefert – ob neue oder alte, ist nicht bekannt. Das ist alles. Schön, dem Schönbach die Ehre retten zu wollen. Der Mann hat es aber mit der Achtung der Souveränität nicht verstanden. So wie viele andere auch nicht.

Bis jetzt hat die NATO dem Beitritt von Ukraine nicht zugestimmt. Ja, richtig, mehrfache Anträge der ukrainischen Seite sind abgeschmettert worden. Interessanterweise hat sich Ungarn absolut dem Beitritt von Ukraine quergestellt mit der lächerlichen Begründung des Minderheitenschutzes der ungarisch-stämmigen Bevölkerung in der Ukraine. Wie interessant: Orban und Putin sind ja bekanntlich gute Kollegen!

Und dann noch zur “Umzingelung”: Die aufgemachte Rechnung mag stimmen, wieviel Mann pro Quadratmeter da an der Grenze stehen mögen. Doch strategisch ist das eine absolute Nullnummer. Denn für den Angriff braucht man gezielte Schläge gegen empfindliche Infrastruktur: Eisenbahn, Pipelines, Autobahnen, Verkehrsknotenpunkte, aber keinesfalls Soldaten in die Wälder oder in die Steppe zur Hasenjagd schicken. Das ist doch hoffentlich klar!

Was wir jetzt begreifen müssen ist: Wir Bürger, brauchen keinen Krieg, aber auch keine Gehirnwäsche durch unsere Regierungen und die Kriegstreiber. Das System will totale Kontrolle und dieser Konflikt hilft ihnen, uns abzulenken und die massiven Finanzprobleme, ja regelrechte Plünderung der Staats-, Renten- und sonstigen Fonds zu vertuschen. Wie im Falle von Corona soll unsere Angst noch weiter geschürt werden.

Schön wäre es, wenn Menschen auch in Russland und Ukraine das kapieren würden. Und auch dort wachen immer mehr Menschen auf! Das ist meine Hoffnung. ich möchte in einer Welt leben, in der keine Grenzen zwischen den Menschen existieren, keine Angst voreinander, sondern Respekt und Zuversicht. Das ist auch meine Motivation, wenn ich montags auf den Spaziergang nach Herbolzheim aufbreche, oder am Samstag nach Freiburg auf die Demo gehe. Für den Frieden, die Freiheit und die Demokratie für alle!

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