Sonntag, 5. Februar 2023
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Hat Putin seinen Krieg bereits verloren ?

Von Dieter Farwick, BrigGen a.D. und Publizist

Ukraine-Russland-Konflikt (dpa-infografik / Deutschlandradio / Andrea Kampmann)

Putin wollte

  • die ukrainischen Streitkräfte mit einem Blitzkrieg besiegen,
  • die ukrainische Regierung durch eine moskauhörige Regierung ersetzen,
  • in dem Partner China einen wichtigen militärischen Partner gewinnen. Es muss Putin enttäuscht haben, dass China auf Abstand zu Russland gegangen ist,
  • durch konventionelle Streitkräfte den Widerstand der unterlegenen ukrainischen Streitkräfte  in wenigen Tagen brechen,
  • die zivile Bevölkerung der Ukraine vom Widerstand abhalten
  • westliche Staaten von einer Einmischung zu Ungunsten  der russischen Streitkräfte verhindern
  • auch durch feindselige Propaganda gegen die Ukraine, die als NAZI – Regime bezeichnet wurde
  • durch frühe Androhungen des Einsatzes von sog. „ taktischen Nuklearwaffen“ die Ukraine zur Aufgabe zwingen.

Er hat den Widerstand der ukrainischen Streitkräfte und der zivilen Kämpfer unterschätzt – wie auch den früheren Komödianten Selenskyi als Präsidenten. Durch dessen mutigen, öffentlichen Auftritte in Kiew hat er wesentlich zum starken Widerstand der ukrainischen Bevölkerung beitragen, deren Mut zu bewundern ist.. Er lehnt Angebote ab, durch andere Staaten in Sicherheit gebracht zu werden. Das gilt auch  für die  Brüder Klitschkow. Vitaly Klitschow und sein Bruder Wladimir wurden zu Helden des Widerstandes auch außerhalb Kiews.

Putin hat mehr finanzielle und wirtschaftlichen Sanktionen verkraften müssen, als er von dem schwachen „ Westen“ erwartet hatte. Leider hat sich Deutschland erneut als Bremser erwiesen.

Auch Putins Oligarchen kamen nicht ohne schwere Schäden davon. Ihre Konten wurden beschlagnahmt oder eingezogen. Ihre 300-500 Millionen Protzschiffe wurden beschlagnahmt.

Der englische Top-Fussballklub Chelsea – im Besitz vom Milliardär Abramowitsch – wurde durch Sanktionen zahlungsunfähig. Der deutsche Trainer Tuchel und seine deutschen Stars stehen vor einer unsicheren Zukunft.

Was ist schief gelaufen ?

Viele Fehler sind Putin anzulasten:

  • Putin ist kein Militärstratege. Er war KGB – Angehöriger. Er hat es aus Angst nicht verstanden, unabhängige Militärstrategen in seine Umgebung zu integrieren. Es herrschte eine Art „Bunkermentalität“. Er sah sich als militärischer Fachmann, der er nicht ist. Er war der politische Diktator, der anderen seinen Willen aufzwang. Er duldete keinen Widerspruch.
  • Es gab wenige russische Strategen, die die Bedeutung der „ gemeinsamen Operationen“  von Heer, Luftwaffe und Marine verstanden haben. Es dominierten Heeresgeneräle, die ihre Karriere im Heer gemacht hatten. Luftwaffe und Marine wurden überwiegend getrennt vom Heer eingesetzt.
  • Die Qualität von Streitkräften entsteht heute überwiegend durch gemeinsames Denken der Teilstreitkräfte, die z. B. in der NATO gemeinsam ausgebildet werden, gemeinsam üben und gemeinsam kämpfen.
  • Für Putin und Führer standen die Landstreitkräfte an der Spitze des Denken – auch bei dem Versuch des Blitzkrieges gegen die Ukraine. Die Landstreitkräfte sollten den schnellen Ein- und Durchmarsch garantieren
  • Die über 100.000 Soldaten, die die Ukraine besetzen sollten, reichten nicht aus. Das lag an dem Widerstand der ukrainischen Soldaten und der zivilen Bevölkerung, aber auch an logistischen und technischen Problemen. Kennzeichnend waren die Bilder einer rd, 60 kilometerlangen Militärkolonne, die auf einer Landstraße wie auf einem Präsentierteller ein lohnendes Ziel bot.

Die Ursache für dieses peinliche Bild war vielfältig. Ursachen kann man nur vermuten:

  • Fehlten klare Befehle für das weitere Vorgehen ?
  • Waren es die chinesischen Reifen, die angeblich reihenweise platzten ?
  • Haben russische Soldaten ihre Fahrzeuge verlassen, die die Straße blockierten ?
  • Sind besonders junge Wehrpflichtige desertiert?
  • War das Gelände beiderseits der Straße nach dem „ Wärmeeinbruch“ durch Schlamm unbefahrbar ?

Ein solches Bild über 3-4 Tage habe ich in meiner aktiven Zeit nicht erlebt. Die russischen Soldaten hatten Glück, dass seitens der ukrainischen Soldaten Kampfdrohnen und Erdkampfflugzeuge fehlten. Allerdings waren an und bei den russischen Fahrzeugen keine Nahsicherung zu erkennen.

Die  russischen Einsatzkräfte galten als „ kriegserfahren“ – mit Hinweis auf ihre Einsätze im Nahen Osten. Da waren überwiegend Luftstreitkräfte im Einsatz. Die Bodenkampftruppen hatten offensichtlich keine „klassischen“ Einsätze durchgeführt. Sie verblieben vermutlich aus Angst vor sog.“ Überfällen“ in gut gesicherten Camps.

Leider fehlten Fernsehaufnahmen von einem „Gefecht der verbundenen Waffen“. Deswegen kann man nicht beurteilen, wie sich russische Kampf- und Kampfunterstützungseinheiten in einem Gefecht mit gleichwertigen Gegnern verhalten hätten.

Eine längere Besetzung von weiten Teilen der Ukraine ist mit den vorhandenen russischen Truppen nicht möglich.

Die russische Führung hat den völkerrechtswidrigen, brutalen Angriff gegen die zivile Bevölkerung, Versorgungseinrichtungen – inkl. Atomkraftwerke und Hospitäler – befohlen. Die hohen Verluste und Zerstörungen werden den Widerstand der Ukraine eher verstärken als schwächen.

Eine anerkennenswerte  Rolle in dem Konflikt  spielt Polen – das ungeliebte Kind der EU.

Polen hat die Flüchtlingsströme hervorragend aufgenommen. Gemeinsam mit den bereits in Polen lebenden Ukrainern war die Aufnahme der rd. 1 Million Flüchtlinge privat und staatlich gut vorbereitet.

Besonders hilfreich sind Ukrainer, die seit Jahren in Polen leben. Ohne deren Hilfe wäre die Flucht von über einer Million Flüchtlingen deutlich schwieriger verlaufen. Der weitere Transport aus Polen in andere europäische Länder ist gut organisiert.

Deutschland hat bereits 100.000 Flüchtlinge aufgenommen und stellt sich auf weitere Flüchtlinge ein, die auf die Bundesländer verteilt werden.Die Hilfsbereitschaft der Deutschen ist enorm.

Was kann Putin-Russland tun, um aus dem selbstverschuldeten  Chaos herauszukommen ?

Mit der gegenwärtigen Truppenstärke ist der geplante Blitzkrieg zu einem Stellungskrieg verkümmert.

Russland könnte eine zweite strategische Staffel über die erste strategische Staffel hinweg zu einer Fortsetzung des weiteren Angriffs einführen.

Es ist mir nicht bekannt, über welche Einsatzbereitschaft Kräfte einer zweiten Staffel verfügen.

Es wird sicherlich etliche Tage dauern, bis erste Einheiten der zweiten Staffel im Westen Russlands eintreffen,

Der Einsatz von taktischen Nuklearwaffen verstößt gegen die Erkenntnis: Wer als erster Nuklearwaffen einsetzt, stirbt als Zweiter  und löst einen Krieg aus, der nur Verlierer kennt.

Die chinesische Regierung weiß, warum sie Russland nicht militärisch unterstützt. Sie hat genügend Probleme im eigenen Land – siehe Taiwan und Hongkong   

Russland sollte versuchen, mit der Ukraine zeitnah einen Waffenstillstand mit der Ukraine zu erreichen, der von UN-Truppen überwacht wird.

Die Ukraine könnte die russischen Provinzen Donezk und Luhanz als souveräne Staaten anerkennen. Dafür muss Russland alle Truppen aus der Ukraine abziehen und einen Abstand von 30 Kilometern zur ukrainischen Grenze einhalten.

Darüber hinaus könnte die Ukraine zehn Jahre auf eine Mitgliedschaft in der NATO verzichten, aber nach dem Beginn eines Waffenstillstandes mit Verhandlungen über die spätere Mitgliedschaft in der NATO beginnen,

Wir dürfen nicht vergessen, dass die Kriegsverbrechen Russlands tiefe Wunden in der Ukraine hinterlassen werden,

Die UN und die EU müssen beide Staaten unterstützen, die Kriegsfolgen zu beseitigen.

Die NATO muss in Osteuropa eine neue Sicherheitsstruktur entwerfen – besonders im Hinblick auf die Baltischen Staaten, die bereits seit Jahren NATO-Staaten sind, aber lange Grenzen zu Russland haben und dadurch verwundbar sind.

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