Sonntag, 2. Oktober 2022
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Das schlechte Gewissen holt fast jeden ein

“Reue” von Camille Lefèvre. Bild: Thomas Bresson , CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

Unsere Großeltern pflegten zu sagen, „ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen“. Mahatma Ghandi drückte es noch etwas anders aus: „Die menschliche Stimme kann nie soweit reichen, wie die Stimme des eigenen Gewissens.“ Wir haben alle schon gehört, daß verurteilte Mörder in ihrer Gefängniszelle Selbstmord begingen. Warum? Haben sie ihre Schuld nicht ertragen können? Gibt es wirklich keinen so mächtigen Ankläger, wie das eigene Gewissen? Und was ist, wenn Menschen kein Gewissen haben?

Der geneigte Leser wird schon erraten haben, worauf ich hinaus will. Es geht um Schuld und wie verschieden Menschen mit ihr umgehen. Ich meine damit nicht die kleinen Unzulänglichkeiten und menschlichen Fehler, die wir alle machen. Die meisten kleinen Sünderlein sind sehr wohl fähig, ihr Unrecht zu erkennen und um Verzeihung zu bitten. Aber ist eine Frau wie Angela Merkel, an deren Händen soviel deutsches Blut klebt, das auch? Und dabei ist Merkel nur ein Beispiel von vielen. Und was soll man tun, wenn ein Mensch, den man um Verzeihung bitten möchte, nicht mehr lebt?

Zum Thema Schuld und wie Menschen mit ihr umgehen möchte ich über einen Roman sprechen, den ich vor 10 Jahren gelesen habe und der nie mehr aus meinem Gedächtnis verschwunden ist. Die Rede ist von „Abbitte“ von Ian McEwan. In den Jahren meines Leseratten-Daeins hatte ich mir eine seltsame Angewohnheit zugelegt. Wann immer ein neues Buch erschien, das von Kritikern über den grünen Klee gelobt und hochgejubelt wurde und bei Marcel Reich-Ranicki die Haare vor Begeisterung zu Berge standen, wollte ich es nicht lesen. Zum Einen, weil es meistens Bücher waren, die mich ohnehin nicht interessierten. Zum Anderen, weil ich generell der Meinung war und bin, daß ich Kritiker nicht brauche. Von „Abbitte“ war der Literaturguru so überwältigt, daß ich den Roman erst einmal 10 Jahre lang ignorierte. 2012 habe ich ihn mir dann von England mitgebracht und später auch die deutsche Übersetzung gelesen.

Schon bald mußte ich zugeben, daß die Kritiker absolut Recht hatten. Diese Geschichte einer wunderbaren Liebe, einer infamen Lüge und eines Verbrechens, das nie gesühnt wird, hat mich sehr bewegt und fasziniert. Sie ist grausam und schön, brillant erzählt und irgendwie unvergesslich. Es ist die Geschichte eines klugen, herzensguten junges Mannes, der für ein Verbrechen bestraft wird, das er nie begangen hat. Am Ende muß man ertragen, daß es keine Gerechtigkeit und auch kein Happy End gibt. Im Gegensatz zu Dostojewskis Werk „Schuld und Sühne“, in dem der Mörder Raskolnikow schließlich seine Verbrechen gesteht und die Strafe dafür auf sich nimmt, geschieht dies in „Abbitte“ nicht.

Aber nun zum Roman selbst: Wir sind in England. Es ist der heißeste Sommertag des Jahres 1935. Auf dem Landsitz der Upper Class Familie Tallis leben zur Zeit Mutter Tallis mit ihrer 23-jährigen Tochter Cecilia und der 13 jährigen Tochter Briony, die in ihrer eigenen Phantasiewelt lebt und davon träumt, eine bekannte Schriftstellerin zu werden (was ihr im späteren Leben auch gelingt). Zu Gast sind die 15-jährige Cousine Lola und ihre Zwillingsbrüder. Hinzu kommen noch Sohn Leon und sein Freund Paul Marshall, ein reicher Schokoladenfabrikant. Außerdem leben auf dem Gut noch Robbie Turner und seine Mutter. Sie ist die Zugehfrau der Familie Tallis. Papa Tallis finanziert Robbie ein Medizinstudium in Cambridge, denn Robbie ist fleißig und intelligent. Und er liebt Cecilia. Am Ende dieses heißen Tages wird für Robbie Turner das Leben nie wieder so sein, wie es einmal war.

Durch unglückliche Umstände und Missverständnisse reift im Laufe des Tages in Briony die Überzeugung, daß Robbie der gefährlichste Mann der Welt ist. Was ist das für ein verdächtiger Brief, den er ihr für Cecilia übergibt und den Briony nicht lesen soll? Sie öffnet den Umschlag und liest ihn trotzdem. Wörter, die sie nie vorher gehört oder gelesen hat. Und was geschieht dort im Halbdunkel der Bibliothek? Warum gibt Cecilia so seltsame Töne von sich? Robbie ist bei ihr und hält sie ganz fest! Was tut dieser schreckliche Mann Cecilia nur an?! Später am Abend sind Lolas Brüder verschwunden. Als alle im dunklen Park unterwegs sind, um die Jungen zu suchen, wird Lola hinterrücks angegriffen und brutal vergewaltigt. Briony findet ihre Cousine schockiert und in Tränen aufgelöst. Sie sieht einen Mann in der Dunkelheit verschwinden. Für Briony steht sofort fest: Das war Robbie. Nur er kann es gewesen sein. Der Arzt wird gerufen. Wenig später trifft die Polizei ein. Briony macht ihre Aussage: „Es war Robbie. Ich habe ihn gesehen. Ich habe ihn mit meinen eigenen Augen gesehen. “I saw him! I saw him with my own eyes!“ Robbie wird in Handschellen zum Polizeiauto gebracht.

Nur Cecilia glaubt an seine Unschuld und ist angewidert von dem snobistischen Verhalten ihrer Familie. Vor aller Augen bekennt sie sich zu Robbie und ihrer Liebe. Sie hält ihn fest und flüstert: „Ich liebe dich. Ich warte auf dich. Komm zurück. Komm zurück zu mir.“ Diese Worte sollte Cecilia in den kommenden Jahren noch 100 Mal wiederholen, jeden Brief wird sie mit diesen Worten beenden „I will wait for you. Come back. Come back to me.“ Nur für Cecilia tut Robbie alles, um zu überleben.

Am nächsten Tag wird Briony zum Polizeipräsidium gebracht, damit man ihre Aussage protokollieren kann. Der Polizeichef ist zunächst skeptisch, doch Briony bleibt felsenfest bei ihrer Aussage. Sie ist sich sicher, sie muß ihre Lüge nur oft genug und überzeugend genug wiederholen, dann würde man ihr schon glauben. Und lügen tut sie, denn sie weiß genau, Robbie war nicht der Täter. Als der Prozess beginnt, ist niemand mehr an der Wahrheit interessiert, am allerwenigsten die Polizei selbst. Alles passt so gut zusammen. Lola macht keine Aussage. Vermutlich weiß sie genau, daß sie gegen den reichen Schokoladenfabrikanten keine Chance hat. Es gab ja keine Zeugen und seine Anwälte würden alles abschmettern.

Drei Jahre später wird Paul Marshall Lola heiraten, weil sie als seine Ehefrau nicht gegen ihn aussagen kann. Robbie wird verurteilt und geht ins Gefängnis. Die nächsten dreieinhalb Jahre sind für ihn die Hölle. Dann bricht der 2. Weltkrieg aus. Robbie darf das Gefängnis verlassen, muß aber direkt zum Militär und danach in den Krieg, wo die wirkliche Hölle für Robbie erst beginnt. Noch ein Mal treffen er und Cecilia sich in einem Cafe in London. Noch ein Mal träumen sie von einer gemeinsamen Zukunft, dann müssen sie sich wieder trennen. Wieder bleiben ihnen nur Briefe. „Cecilia, liebste Cecilia, unsere Geschichte kann weitergehen. Ich kann wieder der Mann werden, der ich einmal war. Der Mann, der dich im Dunkel eurer Bibliothek geliebt hat. Ich werde zurückkommen, ich werde dich finden, dich lieben, dich heiraten und ohne Schande leben.“

Und Cecilia: „ Ich glaube bedingungslos an dich. Du bist mein Liebster, der Grund meines Lebens, lebenslang. Komm zurück, komm zurück zu mir.“ Aber Robbie kommt nie mehr zurück. Er wird verletzt durch einen Bombensplitter und stirbt an einer Blutvergiftung. Cecilia kommt 4 Monate später bei einem Luftangriff auf London ums Leben. Sie hat mit ihrer Familie nie wieder ein Wort gesprochen. Und sie hat Briony nie verziehen.

Zurück zu Briony Tallis. Sie ist jetzt 18 Jahre alt und hat inzwischen begriffen, was sie angerichtet hat. Anstatt ihren Platz in Cambridge einzunehmen, folgt sie den Spuren ihrer Schwester nach London und läßt sich zur Krankenschwester ausbilden. Fortan überläßt sie sich einem Leben voll harscher Kritik, militärischem Drill, strengen Regeln, bedingungslosem Gehorsam und der allgegenwärtigen Angst, Mißfallen zu erregen. Sie arbeitet zwölf Stunden ohne Pause. Tagelang steht sie in eisiger Kälte im Spülraum und leert und säubert Urinflaschen und Bettpfannen. Der Gestank ist manchmal unerträglich und verursacht Briony Übelkeit, ebenso wie das ständige Einatmen von Desinfektionsmitteln. Sie schrubbt und wienert Fußböden, reinigt eitrige Wunden, verbindet entzündete Furunkel, bereitet Tee und Hühnerbrühe, tröstet die Sterbenden, rennt zur Apotheke oder von einer Station zur anderen. Die Erschöpfung ist ihr ständiger Begleiter. Sie schwitzt in ihrer schweren Uniform. Der harte Kragen scheuert ihr die Haut wund. Doch wie hart und aufopferungsvoll ihre Arbeit auch sein mag, wie sehr sie sich auch anstrengt, niemals verläßt sie der Gedanke an ihre Schuld. Was sie getan hatte, ist und bleibt unverzeihlich und kann niemals wieder rückgängig gemacht werden.

Briony lebt in der Überzeugung, daß sie keine Vergebung verdient. Ihre schuldbeladenen Gedanken reihen sich aneinander wie Perlen auf einer Schnur, wie ein Rosenkranz, den sie für immer beten wird. Wieder und wieder sieht sie sich am Fenster ihres Zimmers stehen und triumphierend Robbies Verhaftung beobachten. Sie sieht den fassungslosen Ausdruck auf seinem Gesicht und Cecilias Verzweiflung. Was, wenn Robbie nie mehr zurückkommt? Was, wenn er in diesem Augenblick schon tot ist oder in Gefangenschaft? Was, wenn Robbie und Cecilia nie mehr zusammenkommen sollen?

Nur drei Personen wissen, daß Robbie für ein Verbrechen büßen mußte, das er nie begangen hat. Briony, Paul Marshall und Lola. Alle drei schweigen ihr Leben lang. Paul, weil er selbst der Täter ist. Lola, weil sie käuflich ist und ihr ein Leben in Reichtum und Luxus wichtiger ist, als die Wahrheit. Briony, weil sie feige ist. Bis zum Jahr 1999. Vierundsechzig Jahre nach ihrer infamen Lüge, im Alter von 77 Jahren, bekommt Briony die Diagnose vaskuläre Demenz. Sie weiß, ihr bleibt nicht mehr viel Zeit und so schreibt sie ihren letzten Roman „Atonement“ bzw. „Abbitte“, in dem sie endlich öffentlich ihre Schuld gesteht und den wahren Täter benennt. Allerdings teilt ihr Verleger ihr unmissverständlich mit, daß „Abbitte“ erst dann veröffentlicht werden darf, wenn beide Mitverbrecher gestorben sein werden.

„Paul Marshall ist durch den Krieg noch viel reicher geworden. Seit Jahren zieht er regelmäßig vor Gericht, um mit kostspieliger Hartnäckigkeit seinen „guten Namen“ zu verteidigen. Allein mit seiner Portokasse könnte er jedes Verlagshaus in den Ruin treiben“, sagt der Verleger zu Briony. Sie nickt ihm verständnisvoll zu und lächelt: „Dann wird die Wahrheit noch etwas länger warten müssen.“ Ende.

Der Roman „Abbitte“ ist sicher nicht jedermanns Sache, denn er zeigt uns auf brutale Weise, wie ein einziger Tag, eine einzige Stunde, unser Leben für immer verändern und sogar in tödliche Bahnen lenken kann. Heutzutage haben wir es mit Veränderungen zu tun, die die Aufgabe haben, eine ganze Zivilisation auszulöschen und herbeigeführt werden sie immer noch von den Paul Marshalls dieser Welt. Feige, niederträchtig, gierig, käuflich und in höchstem Maße skrupellos. Mit eiskalter, gefühlloser Miene und ohne mit der Wimper zu zucken beobachtete Paul Marshall die Verhaftung Robbie Turners. Robbie war nur der Sohn einer niederen Angestellten, er war bedeutungslos. Er konnte geopfert werden. Er, der Millionär Paul Marshall, mit Beziehungen bis in hohe Regierungskreise war viel wichtiger in dieser Welt. Später gründete er die Lola- und Paul Marshall- Stiftung für sogenannte „wohltätige Zwecke“. Mit viel Geld wollte er sich ein gutes Gewissen kaufen.

Warum ich von diesem Roman „Atonement“ so beeindruckt war und immer noch bin, kann ich nicht wirklich erklären. Schließlich hat Ian McEwan das Rad hier nicht neu erfunden. Liebe, Lüge und Verrat, eingebunden in die grausamen Geschehnisse eines Krieges, wurden auch von anderen Autoren thematisiert. In Erinnerung geblieben ist mir kaum einer. Man könnte noch erwähnen, daß Robbies Unschuld kinderleicht hätte bewiesen werden können. Er hatte kein Motiv. Er war überhaupt nicht an Lola interessiert, seine Liebe gehörte Cecilia. Außerdem war er eine halbe Meile vom Tatort entfernt. Das hätten Lolas Brüder bezeugen können, denn Robbie hat die Jungen gefunden und zurückgebracht. Aber die Polizei hat nicht ermittelt. Sie zogen es vor, einem phantasiegesteuerten, hysterischen Mädchen zu glauben. Heute glaubt fast ein ganzes Volk einen wahrhaft gigantischen Berg von Lügen, wenn man sie ihnen nur oft genug und überzeugend genug ins Hirn hämmert. Die Brionys dieser Welt lassen grüßen. „Es gibt keine Flucht vor Erinnerungen auf dieser Welt. Die Geister unserer schlechten Taten verfolgen uns. Mit oder ohne Reue.“ (Sir Gilbert Parker)

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5 Kommentare

  1. Der kleine Unterschied ist, dass die heutigen Lügner und Verräter überhaupt kein schlechtes Gewissen haben. Sie sind noch stolz auf ihre Untaten.

    • Genau das sollte auch in der Figur des Paul Marshall verdeutlicht werden. Er steht für die heutigen Lügner und Verräter ohne Reue, während Briony wenigstens erkennt und bereut, was sie getan hat. Irgendwie versucht sie, ihr Verbrechen auf eine andere Art wiedergutzumachen, was an ihrer Feigheit allerdings nichts ändert.

  2. Doris, richtig erkannt.
    Und das macht es ja so “pottenleicht” und einfach, Unser Volk weiter zu hintergehen mit einem Wust an Lügen. Aber der Tag ist greifbar nahe, “… an dem werden all die Lügen unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbrechen…!”
    Er steht sozusagen vor der Tür. Da hilft auch nicht mehr nicht vorhandene Verfassung und Gesetze respektive nicht vorhandenes Staatsgebilde mit fiktiver Handlungsvollmacht.
    Warten wir’s ab und seien geduldig: 2022 ist das Jahr der absoluten Enthüllung ..

    Gruß Rolf

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