Dienstag, 29. November 2022
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Ryans Tochter: Ein verkanntes Meisterwerk

Das Schuldhaus, in dem Ryan’ Tochter lebte. Bild: Philcomanforterie, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Hat der eine oder andere Leser vielleicht Lust auf eine kleine Auszeit von all dem politischen Gedöns?? Wenn ja, dann folgen Sie mir nach London, wo im Dezember 1970 ein Film Premiere feierte, der auf meiner Favoritenliste ganz oben steht. Ein Film, der von einem wahren Meister der Filmkunst gemacht wurde. Ein Film, der am Jahresende seinen 52. Geburtstag feiert und nichts von seinem Zauber verloren hat. Diesen Geburtstag nehme ich zum Anlaß, an den Regisseur wie auch an die brillanten Schauspieler zu erinnern, von denen die meisten bereits verstorben sind. Die Rede ist von David Leans „Ryans Tochter“ (Ryan‘s Daughter).

Nach der Premiere liefen die sog. Kritiker zur Höchstform ihres überflüssigen Gesabbels auf und verrissen den Film in Grund und Boden. Das Werk war zu lang, die Geschichte zu einfallslos, die Handlung zu oberflächlich, der eine oder andere Schauspieler zu schlecht. Ja, sogar die schöne Film-Musik, komponiert und dirigiert von Maurice Jarre, wurde als „verheerend kitschig“ bezeichnet. Ein deutscher Kritiker schrieb, er hätte ein Filet a la Jardiniere erwartet, um ein ödes Mettbrötchen serviert zu bekommen. Viele seiner Kollegen gaben einen mehr oder weniger ähnlichen Quatsch von sich, den hier nicht weiter erwähnen möchte. Man stelle sich vor, ein Schauspieler liefert eine wirklich beeindruckende Leistung ab, wie Christopher Jones es in der Rolle des Major Doryan tat, und dann kommen ein paar Filmkritiker daher und reden alles schlecht. Nach „Ryans Tochter“ zog Christopher Jones sich aus der Filmbranche zurück. Er lehnte alle weiteren Rollenangebote ab, wollte damit nichts mehr zu tun haben. Schade. Auch Sir David Lean wollte keinen neuen Film mehr machen. Erst 14 Jahre später drehte er seinen letzten Film, bevor er 1991 starb.

Ähnlich wie in „Dr. Schiwago“, erzählt David Lean auch in „Ryans Tochter“ eine Geschichte von Liebe, Untreue, Revolution und einem schändlichen, feigen Verrat. Die Handlung spielt in Irland im Jahr 1916, in einem Dorf namens Kirrary, das in Punkto Trostlosigkeit jeden Preis gewinnen würde. Kirrary ist rein fiktiv, es hat nie existiert. Wie auch das Schulhaus wurde es eigens für den Film perfekt und detailgetreu in Massivbauweise errichtet. Die Bauarbeiten dauerten länger als ein Jahr. Und David Lean galt als Perfektionist. Für ihn mußte alles 101prozentig passen.

Vor dem Hintergrund des 2. Weltkriegs und der irischen Aufstände gegen die britische Militärherrschaft zeichnet der Film das Gesellschaftsbild der Bewohner von Kirrary. Es herrschen Arbeitslosigkeit und Armut. Der Hass auf die britische Regierung ist allgegenwärtig. Die Dorfjugend lungert herum, weiß nichts mit sich anzufangen. Wann immer sich die Gelegenheit bietet, treiben sie ihre boshaften Späße mit dem armen Dorftrottel Michael. Rosy, die junge Tochter des Kneipenwirts Thomas Ryan, erhofft sich mehr vom Leben als die engstirnige, von strengem Katholizismus geprägte Dorfgemeinschaft ihr bieten kann, und Father Collins hat seine Augen überall. Sie möchte der Enge entfliehen, weiß aber nicht wie. Später kommt ihr das Schicksal auf grausame Weise zu Hilfe. Dann zeigt sich, wes Geistes Kind die braven und frommen Katholiken von Kirrary wirklich sind.

Unterdessen taucht der berüchtigte Tim O`Leary, Kommandant der Widerstandsbewegung, in Kirrary auf. Er wartet auf eine geschmuggelte Waffenlieferung aus Deutschland, um die Briten bekämpfen zu können. Während eines Sturms werden die Kisten mit Gewehren, Handgranaten, Dynamit und anderen Waffen in Kirrary an Land getrieben (die Sturmszene wurde in Südafrika gedreht). Alle Dorfbewohner kommen gelaufen, um bei der Bergung der Waffen zu helfen, auch Pfarrer Collins. Sie feiern Tim O`Leary wie einen Helden. Aber nur einer der eifrigen Helfer weiß, daß diese Waffen niemals zum Einsatz kommen werden, daß hinter der nächsten Biegung Major Doryan und die britischen Soldaten warten, um O`Leary und seine Leute zu verhaften. Später werden sie alle gehängt. Die Wut der Dorfbewohner kennt keine Grenzen und da jeder weiß, daß Rosy mit Major Doryan ein sehr intensives Liebesverhältnis hat, kann nur sie allein die Verräterin gewesen sein. Dann nimmt das Unheil seinen Lauf.

Auch bei der Auswahl der Schauspieler kann man Leans Hang zum Perfektionismus erkennen. Die Rollen hätten nicht besser besetzt sein können. Von bezaubernder Schönheit ist die Liebesszene im Wald, in der sich in den Bildern der Natur widerspiegelt, was Rosy und Randolph Doryan erleben. Überhaupt versteht David Lean es bestens, seine Figuren wie auch die Handlung in ebenso schöne wie atemberaubende Bilder der irischen Landschaft einzufügen. Jede Handlung wurde perfekt fotografiert, perfekt durchdacht und in Szene gesetzt und drückte mehr aus als viele Worte. Könnte man in der heutigen Szene der ganzen verschwulten Sex-, Gewalt- und Horrorfilme einen Regisseur finden, der einen Film wie „Ryans Tochter“ überhaupt noch zustande brächte ?? Es wäre schon deshalb unmöglich, weil man so brillante Schauspieler wie Sir John Mills, Trevor Howard oder Christopher Jones nicht mehr zur Verfügung hätte. Sir John Mills bekam für seine schauspielerische Glanzleistung in der Rolle des Dorfidioten Michael einen Golden Globe und einen Oscar. Einen weiteren Oscar gab es in der Kategorie „Beste Kamera“. Auch Trevor Howard wurde für einen Golden Globe nominiert. Er brillierte in der Rolle des grantigen, ruppigen aber immer hilfsbereiten Pfarrers Collins, der auch mal ein paar Kinnhaken verteilte, wenn seine Schäfchen es zu bunt trieben. „ Was ist hier los ?! Was soll das !? Seid ihr alle schwachsinnig oder was ist !? Der Teufel soll mich holen, wenn ihr nicht alle besessen und verdammt seid!“  Dann stapft Hochwürden mit finsterer Miene in die Kneipe zu Thomas Ryan, um sich ein paar Whisky hinter die Binde bzw. hinter den Kragen zu gießen.  „Ich weiß nicht, was mit den jungen Leuten los ist, Thomas. Ihre Gedanken sind schmutzig, ihre Taten niederträchtig und ihr Humor ist grausam.“ Der geschwätzige Kneipenwirt mit der roten Säufernase hat immer eine Erklärung parat:

„Das ist der Müßiggang, Hochwürden. Der verdirbt sie. Das ist ja das erklärte Ziel der britischen Regierung, die irische Jugend durch Arbeitslosigkeit zu korrumpieren.“

Zu wenig Lob bekam meiner Meinung nach Robert Mitchum in der Rolle des feingeistigen, eher zurückhaltenden Dorflehrers Charles Shaughnessy. Er verfügt über eine gewisse Bildung, liebt Tschaikowsky und Beethoven, ist geduldig und verständnisvoll und wird von den Männern im Dorf nicht wirklich respektiert. Charles liebt Rosy aufrichtig und verhält sich auch so. Beide verlassen schließlich Kirrary und gehen nach Dublin. Auch Christopher Jones, der den traumatisierten, unter einem Bombenschock leidenden Major Doryan geradezu genial spielt, hätte eine Auszeichnung verdient gehabt. Die erbärmlichste Figur in der ganzen Geschichte ist mit Abstand Thomas Ryan. Erwähnen möchte ich noch, daß „Ryans Tochter“ in Italien die höchste Auszeichnung in der Kategorie „Bester ausländischer Film“ bekam.

Ich habe „Ryans Tochter“ zum ersten Mal in den frühen 80ger Jahren im Fernsehen gesehen. Man glaubt es kaum, aber ja, zu der Zeit wurden auch in der Glotze noch gute Filme angeboten. Ich hätte ihn liebend gern aufgezeichnet, konnte mir aber damals noch keinen Videorecorder leisten. Aber meine Freundin Vivienne besaß beides, einen Recorder und auch den Film. So haben wir beide uns eines Abends mit einer Kanne Tee und einer Packung Plätzchen bewaffnet und einen schönen Filmabend verbracht. Ich erinnere mich so gern daran als die große Szene kam, in der Rosy Randolph zum ersten Mal im Pub ihres Vaters begegnet und ihn heimlich beobachtet, sagte Vivienne aus tiefster Seele : „Oh, come on Rosy, take him for he is sweet!“ (Los Rosy, schnapp ihn dir denn er ist süß !) Als Rosy dann die Nachricht von Randolphs Tod erhielt, hätten wir beide fast geweint.

Nun ja, es war eben die gute alte Zeit der schönen Filme. Die gab es übrigens auch in Deutschland, wie zum Beispiel Erich Kästners „Drei Männer im Schnee“, „Die Feuerzangenbowle“ oder (einfach herrlich!) „Hokuspokus“ mit Curt Goetz und Valerie von Martens. Ich liebe diese alten Filme, sie begleiten mich schon mein Leben lang. Und es ist für mich kein Weihnachten ohne den Film „Wir sind keine Engel“ , mit Humphrey Bogart und Peter Ustinov. Zum Schluß bekommen alle drei Ganoven einschließlich der Giftschlange Adolf doch noch einen Heiligenschein. Vivienne und ich lieben auch heute noch unsere schönen, alten Filme und es gibt immer noch Tee und Plätzchen.

Noch einmal zu „Ryans Tochter“. Für mich und Millionen Menschen auf der Welt ist und bleibt dieser Film ein Meisterwerk, ein übersehenes Juwel und der beste Film, den Sir David Lean jemals gemacht hat. Von der herrlichen Musik über die wunderschönen Naturaufnahmen bis hin zum traurigen Finale war hier ein Meister der Filmkunst am Werk. Dem Zuschauer bleibt am Ende die Hoffnung, daß Rosy und Charles doch noch ein gemeinsames Leben in Dublin aufbauen können. Soviel ich weiß, bekam David Lean für seine Filme insgesamt 18 Oscars und das muß ihm erst einmal jemand nachmachen. Ich bin sicher, seine Kritiker könnten nicht einmal einen Klodeckel gewinnen.

Kommentarregeln: Bitte keine beleidigenden oder strafbaren Äußerungen. Seid nett zueinander. Das Leben ist hart genug.

5 Kommentare

  1. Ja, Doris,
    manchmal brichst Du hier ja ganz schöne Latten vom Zaun in Deinen Kommentaren.
    Umso erfreulicher ist diese Seite von Dir …

    Gruß Rolf 😉

  2. Für alle, die es interessiert : Von dem Dorf Kirrary existiert heute nur noch die Dorfstraße, alle Häuser wurden nach dem Film wieder abgebaut. Das Schulhaus hat inzwischen kein Dach mehr. Und hier noch eine Korrektur : Natürlich handelt es sich um den 1. Weltkrieg, nicht um den zweiten. Ein Tippfehler, sorry.

  3. Jetzt kenne ich ein wenig den Film.
    Nun, wenigstens dem Namen nach.

    Der Trailer, leider engl.

    ca 3 min.
    :::::::::::::::::::

    Ryan’s Daughter (1970) Trailer

    Im Übrigen. …
    Filmkritiker (i. allg. der/die bezahlte Kunstkritiker) waren und sind die politischen Hoftrompeten der Mächtigen.
    Auch unter anderen Bezeichnungen und mit anderem Namen sitzen diese Gestalten in den öffentlichen Einrichtungen aber auch im TV/Radio und wollen uns die Welt erklären!

    • @Semenchkare

      Vielen Dank für den Trailer. Genau richtig, lieber Semenchkare, das war auch schon 1980 meine Meinung, daß die schlechten Kritiken politische Gründe hatten. Auch die sog. Literatur- und Filmkritiker sind nur lächerliche Hampelmänner des politischen Establishments. Ich bin immer vorsichtig, wenn mir jemand die Welt erklären will, der in 10 Jahren keinen Flughafen bauen kann.

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